Kalkutta

Kalkutta, Indien, Durga Puja

„Kalkutta ist Indien in dichtester Form und Vitalität. In dieser beeindruckenden Metropole meistern die Bengalen ihren Alltag mit viel Kreativität. Eine ganz besondere Zeit im Kalender der Stadt ist die Durga Puja. Es ist das wichtigste Fest in Kalkutta und symbolisiert den Sieg der Göttin Durga über den Dämonen Mahishasura, den Sieg des Guten über das Böse. Über Nacht schiessen hunderte Tempel aus Bambus und Baumwolle aus dem Boden und verwandeln die Stadt in ein farbenfrohes Freudenfest. Anlass ist der Besuch der Göttin Durga, die für einige Tage ihren Gatten Shiva auf dem Götterberg Kailash verlässt. Im Bildhauerviertel Kumartuli werden über Wochen tausende Durga-Statuen aus Lehm gefertigt. Familien und Nachbarschaftskomitees bringen die Statuen in ihre Tempel, wo die Brahmanen den Figuren Leben einhauchen. Nun wird die Göttin viele Tage reich bekocht und verehrt. Doch dann muss Durga zurück zu Shiva. Ein äusserst emotionaler Abschied, denn er erinnert die Frauen an ihren eigenen Umzug in den Haushalt des Ehemanns. Die Statuen werden daraufhin zum Ganges getragen und den Fluten übergeben.
Der Lehm, aus dem die Figuren geformt wurden, wird der Natur zurückgegeben – der Kreislauf von Werden und Vergehen. (Text von Manuel Bauer)


Für die Menschen der niederen sozialen Klassen beginnt mit jedem Sonnenaufgang ein neuer Kampf ums Überleben für sich und ihre Familie. Sie leben zum größten Teil in einer gesetzesfreien Zone.


In kleinen und großen Umzügen, auf Lastwagen die großen Statuen, in der Hand oder etwa auf dem Gepäckträger des Fahrrades die kleineren, geleiten die Menschen Durga zum Fluss oder zum nächstgelegenen Teich. Meist begleitet sie die ganze Gemeinschaft mit Musik und übermütigem Tanz durch die Straßen. Viele vorübergehende Passanten bleiben lächelnd stehen oder verharren mit geschlossenen Augen, die Hände zum Gruß gefaltet. Unter Jubelrufen wirft man die Statue ins Wasser.
Aufschlussreich sind die meist folgenden, inoffiziellen Szenen. Sie verdeutlichen, dass nicht die Statuen selbst als göttlich betrachtet werden: Noch bevor sie im Wasser versinken, eilen junge Männer und Burschen herbei, die aus der Entfernung das Geschehen verfolgt haben. Das Lendentuch bis zu den Knien hinaufgekrempelt, stehen sie im Wasser und fischen mit langen Stangen die Figuren wieder heraus. Jetzt sind sie nichts weiter als Lehmfiguren, mit deren Verkauf man im nächsten Jahr wieder Geld verdienen kann.



Durga Puja, Sindur

Dashami, der zehnte Tag, auch Dashahara oder Vijaya genannt, „Tag des Sieges“, bringt den Abschied. Dieser Tag ist besonders den verheirateten Frauen gewidmet: Einzeln geht jede zum Altar, schwenkt die Butterlampe vor Durga, bestreicht sie mit Sindur, dem roten Pulver, und bittet sie, im nächsten Jahr wiederzukommen. Dieselbe Farbe tupft sie segnend den anderen Frauen auf Stirn und Armreif und wünscht „Glückliches Vijaya“.


In den Ateliers herrscht die ganze Nacht Hochbetrieb, da wird gebaut, geschlafen, gekocht und gefeiert.


Die Menschen sind im „Fieber“ und es herrscht eine ausgelassene, fröhliche Stimmung. Dies kann man in allen Gesichtern lesen.